Aus meiner künstlerisch-pädagogischen
Arbeit weiß ich, wie schwer es den meisten Menschen fällt, sich gegenüber
einem abstrakten Bild angemessen zu verhalten. Für eine intensive
Betrachtung müssen die Hilflosigkeit, die Leichtfertigkeit und die Ablehnungshaltung
der Betrachter überwunden werden.
In meinen Seminaren stelle ich jedoch gleichzeitig immer wieder fest,
dass die meisten Menschen abstrakte Bilder malen und ihnen eine eigene
dynamische Ordnung geben, selbst wenn sie diese als willkürliche oder
rein zufällige Handlung abtun mögen.
Es ist im Menschen ein abstrakter Sinn. Wie ein eingeborener Instinkt
ist er in jedem vorhanden. Leider bilden die meisten ihn nicht aus, sondern
unterdrücken ihn mit ihrem rationalen Kontrollbedürfnis, mit ihrer gegenständlichen
Fixierung oder mit ihrer Ignoranz gegenüber dem Unfassbaren, dem Geistig-Seelischen.
Heinrich Lützeler gibt in seinem nachfolgenden Text hilfreiche Hinweise,
wie man abstrakten Bildern begegnen kann, oder anders gesagt, welche Haltung
abstrakte Bilder von uns fordern.
(J.Welter)
Ob nun abstrakte
Bilder als Lehrstücke genommen werden, ob sie über alle bloße Beschreibung
hinaus Ordnung und Bewegung rein als solche vergegenwärtigen, ob sie die
Welt erfindend weiterschaffen möchten, immer wenden sie sich an unsere
Aktivität. Sie fordern von uns nicht nur ruhige Betrachtung, sondern Mitvollzug.
Wir sollen die gezeigte Ordnung mitbauen, das in ihnen enthaltene Werden
mitleben. Sie wollen nicht nur vor uns, sondern in uns sein. Sie sind
so angelegt, dass wir an ihrer Entstehung teilnehmen können. Immer wieder
bieten sie uns Formen an, die uns zum Mitschreiten, Mitschwingen einladen.
Farben führen uns auf Bögen und Bahnen, in Vorstößen und Kreuzungen, so
dass wir, ihnen folgend, schließlich des Bildes inne werden. So "erwirken"
wir in tätigem Schauen allmählich den Zusammenhang der Teile; wir weben
uns gleichsam in das Bildgewebe hinein.
Gegenständliche
Bilder sind dagegen geschlossen und abgeschlossen. Wir blicken auf sie
wie auf eine andere Welt. Diese Welt ist festgefügt in der Landschaft,
den Dingen, den Figuren und ihrer Beziehungen aufeinander. Wir bewundern
Gleichgewicht, Gliederung, Verkettung und erfassen nach und nach den Sinn
eines solchen Vorgehens. Wir deuten schließlich Farben und Formen auf
jene Sinn-Mitte hin. Zwar dürfen wir an allem, was dargestellt ist, teilhaben
- am Grün einer Wiese, an der Schönheit eines Menschen, an einem hitzigen
Kampf oder einem Aufschrei. Aber weder Mensch noch Natur bedürfen unser.
Das Werk ist fertig. Auch wenn auf der Bildtafel jemand in die Ferne blickt
oder zwei aufeinander zugehen, so hebt auch dies das Fertigsein nicht
auf: die Bewegung ist fixiert und hat eine fixierte Funktion im Ganzen.
Es macht gerade den Zauber gegenständlicher Kunst aus, dass sie uns jeweils
ein in sich ruhendes Bild-Reich zeigt; erstaunlich und in seiner Vollkommenheit
kaum glaublich, "erscheint" es vor uns, "tut es sich auf" - und wir müssen
uns zu ihm hinbemühen, wir schauen darauf in reiner vita contemplativa.
Gebannt und selbstvergessen schauen wir ein anderes, fremdes, reiches
Sein. Es kann uns in der Tiefe berühren und bestimmen.
Abstrakte
Bilder regen zum Mitvollzug an. Er gehört wesentlich zu ihrer Bildwirksamkeit.
Indem wir ihre Rhythmen, Maßverhältnisse, Ordnungen "mitmachen", lassen
sie in uns selber ähnliche Rhythmen, Maßverhältnisse, Ordnungen entstehen.
Wir fühlen uns angesprochen; wir erinnern uns plötzlich, dass es bei uns
genauso sein könnte. Wir schwingen mit, wie eine Saite leise zu singen
beginnt, wenn ein bestimmter Ton angeschlagen wird. Auf uns kommt es also
durchaus an. Ein abstraktes Bild, das unser eigenes Leben nicht in Bewegung
versetzt, ist dann eben nicht für uns geeignet. Oder es ist vielleicht
auch künstlerisch unzureichend, weil es zu arm ist, oder zu wenige Möglichkeiten
in sich schließt. Es gibt mancherlei Kriterien für den Rang eines abstrakten
Bildes. Wir sprachen z.B. über seinen Charakter als Gestaltung, seine
innere Notwendigkeit. Diesen Zug teilt es mit aller Kunst - der Architektur,
der Musik, dem Tanz, usw. Aber es besitzt auch spezifische Qualitäten
- z.B. dass es um so mehr an Wert gewinnt, je mehr Akte des Mitvollzuges
es auszulösen vermag, und dass es um so mehr an Wert verliert, je starrer,
festgelegter es wirkt.
Abstrakte Bilder führen uns zu Meditationen; sie erstreben solch eine
enge Verflechtung von Werk und Betrachter. Freilich ist nicht jede Art
von Meditation zulässig; man muss die werkbezogene und die ichverhaftete
unterscheiden. Viele Menschen erleben alles - vom Kleinen bis zum Großen
- nur auf sich hin und legen es nur auf sich aus. Goethe, Michelangelo
und Beethoven scheinen dann allein deswegen zu existieren, damit sich
Herr Schmitz als groß empfinden, Frau Schmitz ihren Busen in Wallung genießen
kann. Um es einmal krass zu sagen: vielleicht kommt ihnen ein Miró gerade
recht als Schnittmuster für das nächste Karnevalskostüm, ein Marc liefert
die Farbe für einen neuen Sommerhut, und vor einem Macke lässt sich so
wohlig an das eigene hochexplosive Herz denken. In solcher Einstellung
wird die Kunst zum bloßen Material der Innerlichkeit. Die Ichvergaffung
aber sperrt den Zugang zu allem, was anders ist als Ich. Die Innenkonzentration
degradiert die Kunst zum "Rausch- und Erregungsmittel". Allein in der
Außenkonzentration erschließt sie sich - und zwar nur durch die Beachtung
jeder einzelnen Form, in einem strengen, entsagungsvollen Sehen. An kunstvernebelten
Subjektivismus ist hier nicht gedacht, wenn von den Reflexionen die Rede
ist, welche die abstrakte Malerei auslöst. Die Erwägungen, die Rechtens
sind, kommen aus dem Werk selber, aber gehen dann weiterwirkend, erhellend,
vorantreibend zu uns.

Abstrakte
Bilder, die spielen, können in unser Leben "hineinspielen". Solche, die
ordenen, können uns bei unseren Akten des Ordnens gegenwärtig sein - mag
nun der Ort der Handlung eine Schule, ein Gericht, eine Fabrik, ein Baubüro,
eine Kabinettsitzung oder ganz einfach unser persönliches Leben sein.
Solche, die von der Gewalt des Werdens ergriffen sind, können, wenn wir
Studenten sind, unser erschütterungsfreies Brotstudium, wenn wir Beamte
sind, unseren erschütterungsfreien Fahrplan in Frage stellen; sie geschehen
vor uns anklagend oder verlockend, wenn wir uns vor lauter Bequemlichkeit
gegen das Neue abriegeln und dem Kult unserer Gewohnheiten frönen; sie
rufen uns unablässig zu, dass der Mensch nur so lange Mensch ist, als
er wird.
Weil abstrakte Bilder ohne Figuren sind, kann ich selbst als Figur in
sie eintreten; weil sie ohne Landschaft sind, kann ich sie in in die Landschaften
des äußeren oder inneren Lebens mitnehmen. Sie haben, bei aller künstlerischen
Folgerichtigkeit, etwas produktiv Unfertiges - im Hinblick auf den sehenden
und empfindenden Menschen.
Dabei schließen sie eine schöpferische Mehrdeutigkeit in sich. Sie wandeln
sich in ihrer Bedeutung, je nachdem dieser oder jener Betrachter in Bezug
zu ihnen kommt. Sie wandeln sich freilich nicht willkürlich, sondern nur
in ihrem Rahmen, in einem bestimmten Spielraum. Versucht man sie willkürlich
auszulegen, so sperren sie sich dagegen durch ihre Form; gewisse Linien,
Flächen, Farben usw. lassen sich plötzlich nicht mehr erklären, gewisse
Züge des Bildes fallen aus und müssen unbeachtet bleiben, weil sie in
die unsachgemäße Interpretation des Betrachters nicht hineinpassen. ...
So begleitet uns das Bild sowohl in die objektive Natur wie in unsere
Subjektivität hinein. Es ist keine abgeschlossene Aussage, sondern ein
"Führungsfeld" des Erlebens. "Führungsfeld" ist ein Terminus der Quantentheorie.
Er besagt, dass es einen potentiellen Zustand der Materie gibt. Die Elementarteilchen
haben dann ein Führungsfeld, das ihnen für künftige Materialisationen
die Plätze bestimmt. In diesem Sinne ist ein abstraktes Bild weder fixiert
noch willkürlich. Es lässt eine Reihe von Erlebnissen als angemessen zu
und klammert andere als unangemessen aus. Man kann nicht vor ihm x-beliebige
Empfindungen und Vorstellungen haben; aber man kann doch eine eingegrenzte
Mannigfaltigkeit von Empfindungen und Vorstellungen haben. Zwar ist der
Erlebnishorizont definiert, aber nicht das einzelne Erlebnis. ...
Im übrigen aber gibt es mehrere legitime Arten, ein abstraktes Bild anzusehen.
Verschiedenartig ist schon der Ansatzpunkt, den wir für den Weg unseres
Auges wählen; der eine beginnt vielleicht von der Mitte nach außen, der
andere von außen zur Mitte hin zu schauen - jeder mag versuchen, wie weit
er mit seiner Methode kommt, ob er mit ihr überhaupt das Ganze des Bildes
mit seinen vielfältigen Bezügen erreicht. Eine andere besteht darin, dass
man sich rein an den Formen erfreut - etwa an behenden Linien oder dem
Hervorgang einer Farbe aus der anderen; dies sinnenhafte Erfühlen des
Werkes ist auf jeden Fall unerlässlich und sollte stetig vertieft werden.
Man kann auch das Bild auf verschiedene Stufen unseres eigenen Erlebens
beziehen; wir schlugen z.B. das Bild eines Werdeprozesses für die Sicht
von Künstlern oder Denkern, Staatsleuten oder Liebenden vor, weil sie
alle ja im Werden stehen und ein glückendes Werden von ihnen verlangt
wird; das Bild wird jedem von ihnen etwas anderes antworten - aber jeweils
aus seinem Kern und jeweils etwas Bezügliches.
Abstrakte Bilder regen in verschiedenem Maße zum Meditieren an. Einige
beschränken sich auf wenige auslösende Linien - und dann liegt vor dem
Betrachter ein weites Feld, dass er füllen soll. Hier erhält das Bild
den Charakter des bloßen Zeichens, des Mandala. Wir erkennen nun, dass
Mandala und Lehrstück aus dem Wesen der abstrakten Malerei folgen und
nicht zufällig entstanden sind. Das Bild sagt uns dann gleichsam nur einen
knappen wegweisenden Satz, und an uns liegt es, weiterzudenken. Es sendet
einen Blitz aus, und an uns liegt es, in seinem kurzen raschen Licht die
Orientierung zu finden. In anderen Fällen dagegen ist das Bild ausgeprägter,
es führt uns stärker, es setzt viele Markierungspunkte. Statt nur einen
Impuls zu vermitteln, klärt der Künstler einen vielschichtigen Zusammenhang.
Wir aber fühlen uns nicht nur auf einen Weg gewiesen, sondern auf einem
Weg begleitet - zu vielen Stationen, Verwicklungen, Ausblicken. Auch aus
dieser Situation kann sich ein langer und sehr persönlicher Umgang mit
dem Bild entwickeln.
©
H. Lützeler, "abstrakte Malerei", Bertelsmann Lesering
/ Gütersloh, o.J.
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